
Muss man jetzt Mitleid haben, mit gelangweilten Millionären, die in Wirklichkeit genauso heruntergekommen und gemeingefährlich waren, wie es unsere Mütter schon 1984 geahnt haben? Nicht unbedingt. Jeder ist seines Glückes Schmied, aber nicht jeder Schmied hat Glück! Lassen wir einfach auch hier „in dubio pro reo“ gelten, und wenden uns voller Empathie dem Mann zu, der diesen Wahnsinn wie ein finsterer Geist von der ersten Stunde an ununterbrochen umschwebt: Gitarrist Mick Mars!
Ich ernte oft Gelächter, wenn ich ihn als einen großen Einfluss bezeichne, weil ihn einfach kaum einer als Axtgott auf dem Zettel hat. Natürlich ist er kein Virtuose im Sinne eines Joe Satriani oder Steve Vai, aber er ist laut, wild und GEFÄHRLICH! Er ist vielleicht nicht der beste Gitarrist der Welt, aber ganz sicher der beste Gitarrist für Mötley Crüe, und in dieser Position hat er, wie Ace Frehley von Kiss, weltweit Millionen von Kids inspiriert eine Klampfe in die Hand zu nehmen (und unzählige Stripperinnen, sich zu „Girl, Girls, Girls“ auszuziehen). Es gibt zig tausende Dudler wie Satriani, aber es gibt nur einen Mick Mars! Ein Dienstleister für den Song und die Band, der verstanden hat, dass Rock´n Roll auch mal einfach „Krach machen und dem Wahnsinn Vorfahrt lassen“ bedeutet! Ein gestandener Mann, der sich vor 30 Jahren die wesentlich jüngeren Rabauken Vince Neil, Tommy Lee und Nikki Sixx lebenslänglich ans Bein binden ließ, zu einem Zeitpunkt, als bei ihm längst ein unheilbare Krankheit diagnostiziert war, die langsam aber sicher die Knochen verhärten lässt.
Mars ist auch das einzige Mitglied von Mötley Crüe, welches die Band nie verlassen hat, und bevor hier einer „Was ist mit Nikki Sixx???“ schreit: der war sogar schon TOT! Alleine dafür gebührt ihm (Mars!) Respekt!
Erstaunlicherweise hat er auch immer die Fresse gehalten und einfach sein Ding gemacht. Geht’s geiler? Ist das nicht der wahre Rock´n Roll? Einfach drauf scheissen und WEITERMACHEN?
Meinen endgültigen, bedingungslosen Respekt hat er, seitdem ich 2005 bei Rock am Ring aus allernächster Nähe gesehen habe, wie er unter offensichtlich großer körperlicher Anstrengung (und bestimmt unter Schmerzen) zur Bühne geführt wurde, und dann einfach den geilen Rockscheiss durchzog! „Kickstart my heart“, hier sind die Songtitel mehr als nur Floskeln.
Natürlich spielt er nicht mehr 100% präzise, aber unter diesen Umständen würden die meisten Heulsusen einfach daheim bleiben. Wollen wir also rumnörgeln, dass er etwas „sloppy“ geworden ist, oder freuen wir uns einfach, dass einer der letzten „Nicht von dieser Welt“- Typen sich immer noch aus dem Bett quält, um uns die Schädeldecke wegzusprengen? Dass er das kann, davon konnte ich mich im Juni 2007 in Brüssel in der ersten Reihe überzeugen. Was mir da aus seiner Backline entgegenfönte, hätte früher Kriege entschieden! Yeeeaaaahhh!!!!!!!
Dabei verzieht er keine Miene, hat den schmutzigen Zylinder tief ins kalkweisse Gesicht gezogen und signalisiert seinen Bandkollegen mit einem kurzen Griff an eben diesen, wann er (ER!!!) bereit ist, das Break zu spielen oder den Song zu beenden. Groß!
Mittlerweile ist Mick Mars über 60 und die Krankheit sehr weit vorangeschritten, was ihm ein geradezu unheimliches Aussehen verleiht, gegen das die meisten Black Metal Bands wie Scherenschleifer auf der Durchreise wirken. Gepaart mit dem infernalischen Lärm, den diese tragische und gleichzeitig in höchstem Maße bewundernswerte Figur erzeugt, komme ich zu dem einzig logischen Schluss: Mick Mars ist der Teufel! Wer sonst?!
ANDY BRINGS