HARD TIMES

Switch to desktop Register Login

Anvil

Written by 
Rate this item
(1 Vote)
Samstag, 17 September 2011 08:55

Ein episches Masterpiece

Die sympathischste Bad der Welt erhält nach dem grandiosen Dokumentarfilm über sich selbst endlich den Zuspruch, den sie in den Augen vieler Musikexperten verdient. Passend zum guten Zeitpunkt veröffentlichen Lips, Robb und Glenn ihr best produziertes und stärkstes Album überhaupt ab. Wahrscheinlich war der Canadier deshalb so extrem gut gelaunt am Telefon.

Hey Lips! Mit dem neuen Album "Juggernaut Of Justice" wollt Ihr es offenbar auf Eure alten Tage noch einmal wissen. Aus meiner Sicht ist Euch damit eines der Stärksten Werke Eurer gesamten Geschichte gelungen.

Ja, da stimme ich Dir voll zu. Es mußte aber auch eines der besten Anvil-Alben überhaupt werden, eine andere Möglichkeit hatten wir gar nicht. Das ist Anvil's großer Moment - wenn Du das im Hinterkopf hast, dann gehst Du mit einer Motivation ans Werk, die nicht von diesem Stern ist.

Was genau habt Ihr mit Eurem Sound angestellt? Selten zuvor hat ein Anvil-Album so druckvoll und gleichzeitig transparent geklungen.

Das liegt daran, daß wir einen echten Produzenten hatten. Wenn man von richtig gutem Equipment umgeben ist und davor einer sitzt, der wirklich Ahnung von dem hat, was er da treibt, ist das schon die halbe Miete. Bob Marlete (Black Sabbath, Slayer, Airbourne) ist einer der ganz großen Produzenten - so ein Typ sucht sich nur noch Projekte aus, auf die er richtig Bock hat - und entsprechend motiviert gehen diese Leute dann ans Werk. In unserem speziellen Fall hatte Bob den Anvil-Film gesehen und er wollte uns unbedingt helfen. Ich kann ihm gar nicht genug dafür danken, daß er uns die Chance gegeben hat, mit ihm zu arbeiten. Es ist wirklich keine Frage des Budgets, denn ich benutze noch immer die gleiche Gitarre und den gleichen Verstärker und frage mich laufend, warum das nun so viel besser klingt. Dazu kommt, daß wir nun von Rick Sales (u.a. Slayer) gemanaged werden, der für uns die entsprechenden Kontakte in der Hinterhand hatte. Seit wir vom Slayer-Management betreut werden, haben wir endlich jemanden, der sich aktiv um uns kümmert.

Ja, das eröffnet Euch natürlich völlig andere Möglichkeiten. Du hattest gerade den Film erwähnt. Ich habe ihn mittlerweile schon mehrfach angesehen und ich kann eines mit Sicherheit sagen: Jeder, der sich den Film angesehen hat, KANN keine Anvil-Scheiben mehr stehlen/downloaden. Man muß Euch einfach unterstützen - zumindest mir geht es so.

Ich weiß das wirklich sehr zu schätzen, daß Du das gerade gesagt hast. Ich weiß auch, daß Du das nicht aus Gnade oder Mitleid gesagt hast, sondern weil es Deine ehrliche Meinung ist. Vielen Leuten ging es nach dem Film so, daß sie ähnlich dachten. So in der Art: "Hoffentlich geht bald jemand zu den Jungs und gibt ihnen einen kleinen Stoß in die richtige Richtung..."

Nachdem Ihr in den letzten Jahrzehnten so vielen großen Musikern als Inspiration gedient habt, ist es an der Zeit, daß die Szene Euch etwas zurück gibt.

Sicher gibt es eine Menge anderer Bands, die das auch verdient hätten. So haben wir nun im Herbst unserer Karriere doch am Ende noch Glück erfahren. Es hätte auch niemals passieren können. Wie Lemmy gesagt hat: "Es geht nur darum, im richtigen Moment an der richtigen Stelle zu sein." Für uns ist das noch immer eine Art Wunder, das da geschehen ist, was mich zum Albumtitel "Juggernaut Of Justice" bringt: Nach all den Jahren widerfährt uns Gerechtigkeit. Es ist jetzt endlich so, wie es sein soll. Anvil haben das Meer geteilt und unsere Fans bringen uns endlich ins gelobte Land. So ist das Konzept und das Cover entstanden.

Habt Ihr eigentlich jemals gedacht, daß der Film und das, was sich daraus ergeben hat, so groß werden würde?

Ja, ich wußte das in dem Moment, als man mir erzählte, daß ein Film über Anvil gedreht werden sollte. Was würdest Du denken, wenn ein Hollywood-Drehbuchautor, der schon mit Steven Spielberg gearbeitet hat, bei Dir auf der Matte stünde und sagt: "Komm, wir drehen jetzt einen Film über Dich!". Das war die Chance unseres Lebens, die Dokumentation unseres Lebens - aus meiner Sicht mußte das einfach funktionieren. Die Band Anvil war wichtig, wir waren wichtig für einige der größten Rockstars der Welt. Wir haben diese Leute beeinflußt und sie alle sind seit zig Jahren Anvil-Fans. Das wußte ich tief in meinem Herzen und das war auch die Motivation, die mich weiter arbeiten ließ, ohne den großen Erfolg zu erleben. Es war mir in der Zeit egal, wie viele Platten ich verkauft habe, denn Slash, Tom Araya, die Metallica-Jungs hatten Respekt vor mir. Rückblickend scheinen sich meine Träume nun tatsächlich erfüllt zu haben.

Ja, dem ist offensichtlich so. Als Ihr letztes Jahr beim W:O:A gespielt habt, wart Ihr nach Slayer der abschließende Act auf der Hauptbühne und es war offensichtlich, daß Euch fast noch mehr Leute sehen wollten, als Slayer. Und Du standest auf der Bühne vor 100.000 Leuten - in dem Moment hat Dir sicher jeder Deine Begrüßung "Wacken - this is a dream come true." geglaubt. Ich denke, daß der späte Erfolg auch viel darin begründet liegt, daß Ihr einfach "echt" seid.

Das war einer der größten Momente meiner gesamten Karriere. Selbst wenn ich jetzt nur darüber rede, rennt mir eine Gänsehaut nach der anderen über den Rücken. Du stehst da oben und willst Dich laufend zwicken, um zu sehen, daß Du tatsächlich wach bist. Im Moment ist das so, als würde ich schlafen und jeder, den ich schon immer kennen lernen wollte, ist in meinen Träumen. Ich habe zum Beispiel eine Auszeichnung erhalten, den "Critic's Choice Award". Bei der Verleihung war auch Paul McCartney zugegen. Ich dachte mir "Wenn nicht jetzt, wann dann?" und ich bin aufgestanden, um zu ihm rüber zu gehen und ein paar Worte mit ihm zu wechseln. Auf halbem Weg schnappt sich Quentin Tarrantino meinen Arm und textet mich total zu darüber, was für ein großer Anvil-Fan er ist. Was macht man in der Situation? Man kann zu Quentin Tarrantino auch nicht sagen "Lass mich in Ruhe - ich will Paul McCartney kennen lernen..." haha. Ich habe es dann doch noch zu Paul geschafft und er hat mich mit diesem Satz begrüßt: "It's the Anvil boys - are we rockin' tonight?" Und ich dachte mir nur "What the f***. Paul McCartney weiß wer ich bin!" Ich war so überrascht davon, daß ich ihm anbot "Komm, laß uns einen Joint rauchen." Und ich habe es in seinen Augen gesehen - er hätte das Angebot wirklich gern angenommen, doch seine Bodyguards hatten da wohl etwas dagegen. :-) Diese berühmten Leute haben alle das selbe durchleben müssen, wie wir. Deshalb wissen sie genau, wie es sich anfühlt, um alles kämpfen zu müssen. Das ist unser kleinster gemeinsamer Nenner, unsere Verbindung. Auch die Fans haben durch den Film eine direkte Verbindung zu mir und meinem Leben bekommen: Sie haben meine Mutter kennen gelernt, waren an Weihnachten bei mir zu Hause - ich habe mein gesamtes Leben vor ihnen ausgebreitet und zu einem gewissen Teil kennen mich die Fans nun tatsächlich. Das ist der eigentliche Grund, weshalb Anvil wohl einen einzigartigen Status bei ihren Fans haben.

Und als ein weiteres Ergebnis dieses Filmes seid Ihr nun bei SPV gelandet, einem Label, das die frühe Metal-Szene in Europa der 80er Jahre mit geprägt hat, wie kaum ein anderes. Ich denke, daß Ihr hier eine wirklich gute Wahl getroffen habt.

Nun die Wahl haben wir eigentlich gar nicht selbst getroffen. Wir sind ja nun unter dem Fittich des Slayer-Managements und diese Jungs kümmern sich um unsere geschäftlichen Belange. Und wenn das Management meint, daß das der beste Platz für uns ist, dann hat das ganz sicher gute Gründe. Wir vertrauen da voll auf die Kompetenz des Managements.

Treffender könnte die Wahl auch nicht sein. Als Einstand habt Ihr ein richtig gutes Album abgeliefert.

Aus meiner Sicht ist das neue Album ein echtes Meisterstück geworden, etwas anderes wäre auch gar nicht möglich gewesen. Durch die ganze Aufmerksamkeit, die die Band gerade erfährt, mußte das neue Album einfach der Oberhammer werden. Durch die gute Produktion war garantiert, daß die Songs auf jeden Fall in einem Soundgewand präsentiert wurden, der ihr Potential voll zur Geltung bringt und der sich nach heutigen Maßstäben auf dem Markt durchsetzen kann. Musikalisch gesehen hat jeder Song seine eigene individuelle Klasse und ist für mich ein Musterbeispiel für die jeweilige Song-Gattung zu sehen. Wir haben 12 sehr unterschiedliche Lieder geschrieben, von denen jeder einzelne als Referenzobjekt für ein komplettes Metal-Genre gesehen werden kann. "Juggernaut Of Justice" ist die perfekte Vorlage für jeden, der heute ein Metal-Album schreiben will. Man könnte auch ein komplettes Album mit Songs wie "Paranormal" machen oder eines mit Liedern wie "Swing Thing". Das war unsere Intention und rückblickend haben wir diese Vorstellung auf der Scheibe zu 100 Prozent erfüllt.

Wie haben sich die Recording-Sessions diesmal gestaltet? Eine Schlüsselszene auf der DVD ist die Situation, in der Du Robb während der Aufnahmesessions gefeuert hast. Gab es diesmal wieder so hitzige Dispute zwischen Euch?

Nein, solche Probleme hatten wir diesmal überhaupt nicht. Das lag sicher auch an dem vollen Vertrauen in unseren Produzenten, das uns die nötige Sicherheit gab. Bei den Arbeiten an "This Is 13" war ein extrem großer Unsicherheitsfaktor, der unsere Nerven bis aufs Äußerste strapazierte. Das war auch der Grund für diesen Zusammenstoß - der Druck war einfach zu groß. Diese Unsicherheit, diese Angst war bei den aktuellen Aufnahmen zu keinem Moment zu spüren.

Ich dachte schon, Ihr müßt in einer gewissen aggressiven Stimmung sein, um Eure Musik zu schreiben.

Nein, das völlige Gegenteil ist der Fall. Während des gesamten Schreibprozesses hätten wir nicht enger und harmonischer zusammen arbeiten können, als dieses Mal.

In aller Harmonie habt Ihr dann einige echte Anvil-Perlen geschrieben, gleichwohl finden sich auf dem Album aber auch ein paar durchaus bemerkenswert andere Songs, die ich gerne ansprechen würde. Zuerst würde mich interessieren, was "Fukkeneh" eigentlich bedeutet...

Das bedeutet eigentlich gar nichts. Es handelt sich dabei um einen kanadischen Ausspruch der guten Laune, den man gern und oft einsetzt. Wenn man sich über den Weg läuft, sagt der Kanadier oft "Hey Fukkeneh..!". Ich habe keine Ahnung, ob es einen solchen Ausdruck in Deutschland gibt.

"Servus" würde ich mal sagen. Etwas düsterer geht es bei "Paranormal" zur Sache, ein Track, der schon vom Titel her nicht allzu weit von Sabbath's "Paranoid" entfernt ist oder steckt eher ein inhaltlicher Hinweis auf die "Paranormal Activity"-Filme hinter dem Text?

Exakt. Es geht um das unbestimmte Gefühl, daß jemand über dich wacht, über Besessenheit, generell über den Einfluß von der anderen Seite. Meine Erfahrungen durch die letzten fünf Jahre haben mich definitiv erfahren lassen, daß es solche Einflüsse gibt. Manche würden das auch gern als Zufälle bezeichnen, doch das glaube ich nicht. Wenn es keine Zufälle waren, dann sollte das alles so geschehen und dann muß da irgendwo noch viel mehr sein, als uns allen bewußt ist. Musikalisch ist der Track extrem düster ausgefallen.

Als krasses Gegenstück dazu könnte man dann "The Swing Thing" sehen, den heaviesten Swing-Song aller Zeiten.

Robb und ich sind seit jeher große Fans des Big-Band-Swing-Sound, wie ihn Buddy Rich, Benny Goodman und Glenn Miller geprägt haben. Die Erfindung der E-Gitarre hat die Musik nachhaltig verändert und inzwischen geht es im Rock und Metal nur noch um E-Gitarren. Wir haben seit jeher Swing-Elemente in unseren Songs - zum Beispiel bei "Game Over" von der letzten Platte. Nun gingen diese Elemente aber bisher ziemlich unter, eben wegen der E-Gitarren. Also dachte ich mir, daß es nicht schaden könnte, die Bläser wieder zu integrieren.

Vielleicht solltet Ihr einen Film über die neue Situation drehen...


 

Band-Homepage: www.anvilmetal.com

Interview & Text: Ingo

Ingo

Begeisterter Fotograf, Grafiker, Webdesigner und Filmer.
Hobbys: Musik, gute Bücher, Kino & Video, Biken, Tischtennis bei Greuther Fürth,...

Leave a comment

Make sure you enter the (*) required information where indicated.Basic HTML code is allowed.

© HARD MEDIA . All rights reserved. HARD TIMES Webzine von HARD MEDIA / Claudia & Ingo Spörl steht unter einer Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Unported Lizenz.

Top Desktop version